Vergeben und vergessen? Studie zum Verzeihen in Paarbeziehungen

Bisher wurde die Frage nach Vergebung und Verzeihung in Paarbeziehungen in der Wissenschaft wenig beachtet. Nun liegen erste Ergebnisse einer repräsentativen deutschlandweiten Umfrage  vor, die der Bundesverband katholischer Ehe-, Familien- und Lebensberater gemeinsam mit TNS Emnid erhoben hat.

Verzeihen – wie geht das?

In Ehen und Partnerschaften sind Konflikte und Enttäuschungen unvermeidlich. Verletzende Äußerungen und kränkende Verhaltensweisen können zu Haarrissen in der Beziehung führen. Werden diese nicht vergeben, besteht das Risiko, dass sie sich zu tiefen Krisen auswachsen. „Die Fähigkeit, dem Partner zu vergeben, bildet ein wichtiges Fundament für eine gelingende Beziehung“, sagt Annette Karr-Schnieders, Leiterin der Diözesanstelle EFL im Bistum Hildesheim. „Viele Paare, die zu uns in die Beratung kommen, wissen jedoch nicht, wie sie mit Verletzungen umgehen sollen und wie Verzeihen gelingen kann.“ Beratungsarbeit ist daher oft Versöhnungsarbeit.

Erste Studie zu Vergeben und Verzeihen in Paarbeziehungen

Die Studie des Bundesverbandes katholischer Ehe-, Familien- und Lebensberater liefert nun erste Ergebnisse, wie Vergebung in Partnerschaft gelingen kann.  An der Befragung durch TNS Emnid haben rund 1.400 Frauen und Männer teilgenommen. Gleichzeitig wurden insgesamt 350 Paare befragt, die Klienten einer Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle waren und zusätzliche Paare, die religiös gebunden sind. Ein zentrales Ergebnis ist es, dass psychisches Wohlbefinden und Wohlwollen dem Partner gegenüber es leichter machen, einander zu verzeihen. Oder einfach ausgedrückt: Wer sich in seiner Beziehung wohl fühlt, ist eher geneigt, seinem Partner zu verzeihen.

Gemeinsame christliche Praxis stärkt Beziehung

Die Studie untersuchte auch die Frage, inwieweit der christliche Glaube einen Einfluss auf die individuelle Versöhnungsbereitschaft hat.  Entgegen der Erwartung, dass glaubende Menschen stärker im Verzeihen sind, gibt es jedoch keine Korrelation zwischen der allgemeinen Religiosität (damit sind zum Beispiel Gottesdienstbesuche und Gebete gemeint) und der Vergebungsbereitschaft. 

Dr. Peter Kohlgraf, Professor für Pastoraltheologie an der Katholischen Hochschule Mainz, der gemeinsam mit seinen Studenten die Studie ausgewertet hat, bezeichnet dieses Ergebnis als realistisch. „Ich habe nicht erwartet, dass Christen ihr gesamtes Eheleben an der Religion ausrichten“, so Kohlgraf gegenüber der Kirchenzeitung (44/2014). „Außerdem hat sich doch gezeigt, dass eine gemeinsame christliche Praxis bei Paaren das gegenseitige Wohlwollen fördern kann.“ So belegt die Untersuchung, dass Menschen, die ihren Glauben im Alltag gemeinsam mit ihrem Partner leben,  sich als Paar oft besser verstehen und gleichzeitig eine höhere Bereitschaft haben, zu verzeihen.

EFL begleitet Paare

„Eine dauerhafte Beziehung und ein erfülltes Zusammenleben in der Partnerschaft kann nur gelingen, wenn sich Gefühle wie Enttäuschung und Ärger wieder in Wohlwollen für den Partner verwandeln“, sagt Annette Karr-Schnieders. „Mit der Ehe-, Familien- und Lebensberatung machen wir Menschen ein Angebot, gemeinsam und in einem begleiteten Prozess wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Denn nur, wenn Verzeihen gelingt, kann die Partnerschaft wachsen.