Eltern werden – die normalste Sache der Welt?

Eltern werden

„Wir erwarten ein Baby!“ Ein Satz, der die Welt verändert. Aus einem Paar werden Mutter und Vater. Neue Rollen und Aufgaben warten. Hoffnungen, Erwartungen und Fantasien beider Partner stehen im Raum. Doch ein Kind verändert die Paarbeziehung grundlegend. Und das kann zu Konflikten führen.

Warum es sein kann, dass durch Kinder eine Krise entsteht

Nach der Geburt des ersten Kindes können viele Paarkonflikte entstehen, weil sich die Partnerschaft völlig verändert. Bleiben diese Konflikte ungelöst, können sie sogar zur Trennung führen. Hier setzt das präventive Angebot „aus 2 werden 3“ der Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) des Bistums Hildesheim an. Die Beratung richtet sich an junge Eltern, die Fragen zu ihrer neuen Lebenssituation haben und Unterstützung in ihrer Elternrolle suchen. Denn gerade nach der Geburt des ersten Kindes ist es für Elternpaare wichtig, darauf zu achten, dass ihre Partnerschaft nicht auf der Strecke bleibt.

Wenn ein Machtgefälle entsteht, kann das zu Unzufriedenheit führen

Doch woran liegt es, dass mit der Geburt des ersten Kindes vielen Paarbeziehungen eine „Sollbruchstelle“ droht? Wassilios Ftenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Universität in Bozen, macht dafür wesentlich zwei Faktoren verantwortlich. Laut Ftenakis leben Menschen heute in einer Beziehung, um in ihr ein Maximum an Glück zu erfahren. Gleichzeitig streben sie eine gleichberechtigte, symmetrische Partnerschaft an, in der es keine Machtgefälle gibt. Bis zur Geburt des ersten Kindes ist das für viele Paar möglich: Beide sind berufstätig, beide teilen sich die Hausarbeit. Nach der Geburt kommt es jedoch zu einer Umverteilung des Einkommens, der Aufgaben und damit auch der Machtverhältnisse in der Partnerschaft. Das alte Rollenmodell ist plötzlich wieder auf dem Tisch: Der Mann verdient das Geld, die Frau kümmert sich um Kind und Haushalt.

Aus einem Paar werden Mutter und Vater

Frauen, die vorher mit beiden Beinen im Berufsleben gestanden haben, fehlt auf einmal die berufliche Bestätigung. Der Mann wiederum fühlt sich als Alleinverdiener unter Druck, für die Familie sorgen zu müssen. Darüber hinaus kommt die Beziehung der Partner häufig zu kurz, die Freizeit tritt in den Hintergrund, und der Alltag verändert sich grundlegend. „Während Frauen stark damit beschäftigt sind, sich mit ihrer neuen Rolle als Mutter auseinanderzusetzen und sich auf das Kind fixieren, fühlen Väter sich häufig abgemeldet“, erklärt Thomas Viehoff, Leiter der EFL-Beratungsstelle in Hameln, die mögliche Problemlage. Doch auch bei Paaren, die sich die Elternzeit teilen, können Konflikte entstehen. Denn ändern sich die Rollen bei beiden Elternteilen, sind auch beide Partner gefordert, sich neu zu justieren – zu einander und zu ihrem Kind. Nicht selten treten in dieser Neuorientierungsphase Unsicherheit und Ängste auf, die zu Auseinandersetzungen führen können.

Die Kommunikation ist entscheidend

Beide Partner sind in der Zeit rund um die Geburt des ersten Kindes stark gefordert, denn neben die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse als Paar treten außerdem noch die Bedürfnisse des Kindes. Jetzt ist es entscheidend, dass beide Partner ihre Wünsche und Sorgen klar artikulieren. Hatte das Paar bereits vor der Geburt des Kindes Probleme, Konflikte offen anzusprechen und zu lösen, kann das Schweigen nun in die Krise führen. Kommunikation hingegen ist der Schlüssel zu einem guten Start in ein Leben zu dritt. „Sprechen sie die gegenseitigen Erwartungen offen an“, rät Christiane Wüstefeld, hauptamtliche Fachkraft in der EFL-Beratungsstelle in Duderstadt, frisch gebackenen Eltern. „Erwarten Sie nicht, dass Sie sofort reibungslos mit der neuen Situation zurechtkommen, sondern geben Sie sich und Ihrem Partner Zeit, sich darauf einzustellen.“

Vom glücklichen Paar zur glücklichen Familie

Denn Eltern setzen sich immer öfter selbst unter Druck. Sie wollen ihren Anforderungen im Beruf, ihren Erwartungen als Paar und der neuen Rolle als Eltern perfekt gerecht werden. Damit ist Überforderung oft vorprogrammiert. „Wir helfen Paaren dabei, die für sie richtige Lösung zu finden, damit sie sich in dieser Zeit nicht aus den Augen verlieren“, beschreibt Wüstefeld den Ansatz von „aus 2 werden 3“. Dann gelingt es auch, die erste Zeit zu dritt intensiv zu genießen und gleichzeitig ein Paar zu bleiben. Ftenakis sieht in der Qualität der elterlichen Partnerschaft sogar den Schlüssel für die weitere Entwicklung der Familie. So bleiben sie ein glückliches Paar und werden eine glückliche Familie.

Das raten die EFL-Experten

  • Schaffen Sie sich Freiräume als Paar. Unternehmen Sie regelmäßig etwas allein, ohne Kind. Großeltern, Freunde oder Babysitter springen erfahrungsgemäß gern ein.
  • Reden Sie miteinander. Sprechen Sie bereits vor der Geburt über Ihre Erwartungen und möglichen Ängste, lassen Sie Ihren Partner an Ihren Wünschen und Sorgen teilhaben. Nehmen Sie sich auch nach der Geburt Ihres Kindes Zeit, um ruhig über Konflikte zu sprechen.
  • Haben Sie Verständnis für Ihren Partner. Ihre Frau ist nach einem Tag mit dem Neugeborenen und mehreren durchwachten Nächten sicherlich erschöpft. Ihr Mann macht sich vielleicht Sorgen, wie er als Alleinverdiener für die Familie sorgen soll. Die Geburt des ersten Kindes ist für Sie beide eine große Veränderung.
  • Vergessen Sie nicht, diese ganz besondere Zeit zu genießen. Die Geburt Ihres ersten Kindes ist etwas Außergewöhnliches. Bestimmt gibt es sehr innige Momente zu dritt, die sie besonders genießen und von denen Sie zehren können. Und gerade, wenn Ihnen alles über den Kopf zu wachsen scheint, halten Sie inne und erfreuen Sie sich einfach an diesem wunderbaren Lebewesen: Ihrem Kind.