Frühgeburten: Wenn alles anders kommt als geplant

Frühchen

Die Zeit nach der Geburt des ersten Kindes ist für die meisten Partnerschaften eine Belastungsprobe. Bei Eltern von Frühchen ist der Druck nochmals potenziert. Viele Paare von Kindern, die zu früh geboren werden, befinden sich in einer Grenzsituation. Die Geburt passiert häufig völlig unerwartet. Es folgt eine aufreibende Zeit, in der die Neugeborenen im Inkubator liegen und durch viele Schläuche an technische Geräte angeschlossen sind.  Für die meisten Elternpaare ist diese Situation ein Schock, viele entwickeln sogar eine posttraumatische Belastungsstörung.

„aus 2 werden 3“: Kooperation mit Frühchenstation

Seit Herbst 2013 arbeitet die EFL-Beratungsstelle Göttingen/Duderstadt daher im Rahmen des Projekts „aus 2 werden 3“ mit der Frühchenstation am Universitätsklinikum in Göttingen zusammen. Katharina Baumgärtel ist bereits von Anfang an dabei. Die freiberufliche Hebamme und EFL-Beraterin betreut und begleitet die Eltern direkt auf der Station. In ihrer Rolle als Hebamme baut sie Brücken zum Elternpaar und erleichtert dadurch die Annahme von begleitender Beratung.

Frau Baumgärtel, warum ist es so wichtig, die Eltern eines frühgeborenen Kindes zu begleiten?
Katharina Baumgärtel: Heute kommen frühgeborene Kinder bis zu 16 Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin auf die Welt. Sie werden immer per Kaiserschnitt geboren. Manche von ihnen wiegen bei ihrer Geburt nicht einmal 500 Gramm. Diese extrem unreifen Kinder brauchen sofort eine umfangreiche intensivmedizinische Betreuung in einem Inkubator. Ein inniger Kontakt zwischen dem Baby und seinen Eltern wie nach einer natürlichen Geburt ist sehr erschwert bis unmöglich. Auch die Zeit vor der Geburt ist oft sehr belastend. Sie ist geprägt von der Sorge um eine Frühgeburt und der Sorge um das Wohlergehen der Mutter. Eine emotionale Vorbereitung auf das Kind gelingt kaum. Für die Eltern ist dies ein Schock. Alles ist anders gekommen, als sie es sich vorgestellt haben.

Wie kommen Sie mit den Eltern in Kontakt?
Katharina Baumgärtel: Mit meinem Beratungsangebot gehe ich zu den Eltern auf die Intensivstation. Ich begegne ihnen direkt am Inkubator ihres Babys. Dort heiße ich das Baby willkommen. Ich erlebe die Eltern oft sehr offen. Sie erzählen, was passiert ist, und wir durchleben die Situation in mehreren Gesprächen noch einmal gemeinsam. Vielfach erlebe ich, dass die Mütter sich die Schuld am Geschehenen geben. Sie fragen sich, ob sie die Frühgeburt hätten verhindern können, wenn sie sich anders verhalten hätten. Dann versuche ich, sie in ihrer Intuition zu stärken, mit der sie oft die ersten Anzeichen der Frühgeburt bemerkt und richtig gehandelt haben. Das kann entlastend sein. Ich begleite die Eltern während der gesamten Zeit, in der sie mit ihrem Baby auf der Station sind.

Warum ist „Aus 2 werden 3“ für Eltern von frühgeborenen Kindern ein wichtiges Angebot?
Katharina Baumgärtel: Bei Frühgeburten, die mit Krankheit und/oder Behinderung einhergehen, ist zu beobachten, dass sich die Elternpaare sehr oft trennen. Die Belastung für die Beziehung ist einfach zu groß. Gerade Eltern von Frühgeborenen benötigen in dieser Zeit der massiven Überforderung Hilfestellung, Unterstützung und Entlastung, damit die Beziehung in dieser schweren Zeit bestehen kann. Und damit eine Familie entstehen kann, in der die Kleinsten geborgen aufwachsen können.